Jürgen Vogel spricht im Interview über seine neue Filmkomödie „Ein Freund von mir“. Fünf Streifen mit ihm laufen im Kino.
Von unserer Mitarbeiterin Claudia Pless
Aachen. Mit sechs Premierenbesuchen innerhalb von zwölf Stunden haben die deutschen Schauspieler Daniel Brühl (28) und Jürgen Vogel (38) einen neuen Weltrekord geschafft. Nach einer anstrengenden Tour von München über Berlin (zwei Premieren), Hamburg und Düsseldorf nach Köln erhielten die beiden Stars mit Regisseur Sebastian Schipper in der Nacht zum Montag von der Redaktion des Guinness-Buchs die Urkunden zur Bestätigung der Bestmarke. Mit dem Premieren- Marathon rührten die beiden zugleich die Werbetrommel für ihre Komödie „Ein Freund von mir“; der Film kommt am Donnerstag in die Kinos. Damit sind gleich fünf Filme mit Jürgen Vogel in diesem Kinoherbst auf der Leinwand zu sehen: der Kinderkrimi „TKKG“, die Liebesgeschichte „Emmas Glück“, das Vergewaltigungsdrama „Der freie Wille“, für das er den Silbernen Bären erhielt, die Komödien „Wo ist Fred?“ (Kinopremiere: 16. November) und „Ein Freund von mir“. Der PS-starke Streifen um coole Jungs und schnelle Autos handelt von der Suche nach dem richtigen Platz im Leben und vom Entdecken der Liebe. Jürgen Vogel spielt den Lebenskünstler Hans, der dem introvertierten Mathematiker Karl (Daniel Brühl) die aufregenden Seiten des Lebens zeigt. Wir sprachen mit Jürgen Vogel über den Film.
Wie wichtig sind Ihnen Freunde?
Vogel: Wahnsinnig wichtig, das Wichtigste überhaupt. Man sucht ja die Nähe zu Menschen, die anders sind als man selbst, weil man die Ergänzung haben will. Davon erzählt auch der Film. Ich hab da einen gewissen Kreis von Freunden, die ich Familie nennen würde. Diese Familie ist nicht allzu groß, aber mir sehr ans Herz gewachsen, weil ich sie mir über viele Jahre aufgebaut habe. Ich finde übrigens, auch Liebesbeziehungen sollten auf Freundschaft fußen. Es muss erst einmal eine Freundschaft da sein, bevor sich Liebe entwickeln kann.
Daniel Brühl spielt Ihren Kumpel Karl. Haben Sie sich auch privat so gut verstanden?
Vogel: Ja, total. Dass wir uns beide wirklich mögen, war sogar die Grundvoraussetzung für diesen Film über Freundschaft. Ich finde Daniel toll, schätze ihn auch als Mensch sehr. Deshalb war die Zusammenarbeit super. Wir kannten uns zwar vorher schon flüchtig, hatten aber noch nie gemeinsam vor der Kamera gestanden. Das Gefühl von Freundschaft und Nähe mussten wir uns also nicht erarbeiten, sonst wären die Dreharbeiten knüppelharte Arbeit gewesen, aber wir hatten richtig Spaß. Trotz Altersunterschied, Daniel ist ja zehn Jahre jünger als ich.
Was ist der Unterschied zwischen einer Männer- und einer Frauenfreundschaft?
Vogel: Das fragen Sie ausgerechnet mich? (lacht) Ich weiß nicht, ob ich das als Mann überhaupt beurteilen kann. Aber ich hab zum Beispiel beobachtet: Wenn sich bei ganz dicken Freundinnen eine mal eine Woche lang nicht meldet, weil sie etwa Stress hat, dann ist das für die andere gleich ein richtiges persönliches Problem. Jungs sind da irgendwie entspannter.
Im Film geben Sie beim Nacktporschefahren kräftig Gas. War das wirklich so spaßig?
Vogel: Klar. Das hat irre Spaß gemacht, vor allem mit Sitzheizung. In dem Film geht es ja auch darum, die Neugierde auf Leben wieder zu entdecken, wenn man sie verloren hat, und einfach mal den Mut zu finden, verrückte Dinge auszuprobieren. Ich spiele den Kindskopf Hans, der den grüblerischen Karl aus dem Büro rausholt und mit auf den Spielplatz nimmt. Er bringt ihn zum Lachen und lehrt ihn, das Leben zu genießen. Wie beim Nacktporschefahren. Übrigens: Nichts gegen Porsche, aber ich selber fahre einen sehr sehr geilen Jaguar. Bin halt ein Fan schneller Autos.
Das klingt nach dem Kind im Manne.
Vogel: Na klar. Das hat mir ja am Hans so gefallen: Dass er nicht erwachsen wird. Dass er immer ein bisschen Kind bleibt. Das kenne ich auch von mir. Wenn man sich ein Stück Kind in sich bewahrt, ist das vielleicht eine Möglichkeit, glücklicher zu sein. Weil man Dinge mit Kinderaugen anders betrachtet. Sich vielleicht sagt: Okay, jetzt ist zwar gerade alles Sch . . ., aber wo ist hier die nächste Rutsche?
Haben Sie Probleme mit dem Älterwerden?
Vogel: Nein. Im Gegenteil. Ich freue mich aufs Älterwerden, freue mich schon auf mich, wenn ich 60 bin. Wenn man älter wird, sieht man Sachen einfach anders. Also guck ich mal, wie ich mit 60 einen Mann spielen werde. Bis dahin möchte ich noch ein paar Filmchen drehen, vor allem Kinderfilme. Denn das kann ich mir vorstellen: In zehn Jahren nur noch Kinderfilme drehen.
Wie wählen Sie Ihre Rollen aus?
Vogel: Da bin ich gar nicht festgelegt, sondern spiele alles. Es muss nur irgendwie interessant sein, zum Beispiel weil die Figur ein ganz besonderer Mensch ist. Es muss mich treiben, aufregen, beschäftigen. Wenn man meine Filme sieht, weiß man, warum ich es gemacht habe. Doch jeder Film bleibt immer auch ein Geheimnis, und das ist gut so. Das macht ja den Reiz aus.
Wie bereiten Sie sich auf Ihre Filme vor?
Vogel: Ich spiele vor allem aus dem Bauch heraus, recherchiere aber auch viel im Vorfeld. Wie zum Beispiel für den Film „Der freie Wille“. Da habe ich mit Psychologen und Sozialarbeitern, mit Opfern und Tätern gesprochen, also auch mit einigen Vergewaltigern. Die ganze Recherche ging drei Jahre. Viele Menschen glauben, dass man als Schauspieler die Möglichkeit hat, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Das finde ich blöd. Denn ich verbinde diesen Beruf mit Persönlichkeit und Verantwortung. Ihre Filmfigur „Hans“ verdient weniger als sechs Euro die Stunde.
Kennen Sie Menschen, die so wenig verdienen?
Vogel: (denkt lange nach) Ich hoffe, dass wir alle Menschen kennen, die so wenig verdienen wie Hans. Sonst wären wir ganz schön arm. Ich wünsche mir, dass wir in einer Welt leben, in der es nicht darum geht, was jemand verdient, sondern was für ein Mensch er ist und dass man in seinem Umkreis versucht, keine Unterschiede zu machen. Das wäre sonst grausam.
Wie würden Sie reagieren, wenn irgendwann der Lockruf aus Hollywood käme?
Vogel: Darüber brauche ich überhaupt nicht nachzudenken, weil es das gar nicht gibt. Denn das wäre ja so, als würde man sich als polnischer Schauspieler mit schlechtem Akzent darüber Gedanken machen, ob man hier in Deutschland eine große Karriere machen könnte.