Handelsblatt Nr. 244 vom 16.12.05 Seite w04, 16.12.2005

Unter Brüdern

Wladimir Klitschko tritt das Erbe von Vitali an. Sein Plan: Er will wieder Box-Weltmeister werden.

   CLAUDIA PLESS HANDELSBLATT, 16.12.2005

HAMBURG. Verlegenes Schweigen. Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Wladimir Klitschko blickt betreten zu Boden, als sich sein Bruder Vitali bei treuen Weggefährten für die "schöne gemeinsame Zeit" bedankt und symbolisch das Zepter an ihn übergibt "den Sportler mit dem größeren Potenzial".

Der Moment ist so feierlich wie der vorweihnachtliche Rahmen in einem Hamburger Restaurant. Machtwechsel bei den Boxbrüdern, der Beginn einer neuen Ära.

Einen Monat nach Vitalis Rücktritt aus dem aktiven Boxsport liegt die Zukunft der Klitschkos in Wladimirs Fäusten. Keine leichte Bürde. Selbst Fritz Sdunek, der hartgesottene Profitrainer, schluckt schwer.

Plötzlich zerreißt ein "Wiener Walzer" die Stille. Hektisch hantiert Sdunek an seinem immer lauter klingenden Handy.

Wladimir prustet laut los. Dann lachen alle. Und mit einem Schlag ist die Stimmung gelöst. "Wir sind doch nicht auf einer Trauerfeier", stellt der jüngere Bruder energisch klar.

Schon einmal musste Wladimir für Vitali einspringen, in Atlanta, bei den Olympischen Spiele 1996. Der 20-jährige ukrainische Boxamateur Wladimir ersetzt seinen gesperrten Bruder Vitali  und gewinnt im Finalkampf gegen Paea Wolfgramm (Tonga) die Goldmedaille im Superschwergewicht. "Mein schönstes Boxerlebnis", sagt er später. Nach dem Olympiasieg wechselt der 1,98-Meter-Hüne ins Profilager zum Universum-Boxstall nach Hamburg. Im Gepäck: Boxhandschuhe und 140 Kämpfe (134 Siege, 65 durch K.o.) Heute, fast ein Jahrzehnt später, soll Wladimir erneut die Familienehre retten. Jetzt muss sich "der kleine Klitschko" wieder allein im großen Rampenlicht durchboxen.

Dabei stand in den letzten Jahren der Name Klitschko für beide Brüder gleichermaßen, für das medienpräsente Doppelpack, Werbeduo, Sport-Unternehmen und VIP-Gespann. Und das, obwohl Wladimir außerhalb der Sportwelt stets betonte: "Wir sind keine Klone, sondern eigenständige Persönlichkeiten!"

Während es Familienmensch Vitali eher ruhig angehen lässt, liebt Single Wladimir weite Reisen, wilde Rockkonzerte und schöne Frauen. Die Sehnsucht nach Abenteuern und fernen Ländern war auch das Hauptmotiv, warum er schon als Kind unbedingt Sportler werden wollte  wie Vitali, sein "großes Vorbild".

Inzwischen ist Wladimir aus dem Schatten seines vier Zentimeter größeren und fünf Jahre älteren Bruders herausgetreten und hat ihn nicht nur sportlich überflügelt. Auch über sich selbst ist er hinausgewachsen.

"Vor allem bin ich reifer geworden", sagt der promovierte Sportwissenschaftler. Bevor er einige seiner intellektuellen Vorlieben nennt: "Französische Filme, amerikanische Literatur, Kunst, Schach, Magie und Poesie." Um dann hinzuzufügen: "Boxen ist mein Leben, aber mein Leben ist viel mehr als Boxen."

In seinen besten Kämpfen hat der "Bambi"-Preisträger seine Kontrahenten bevorzugt mit der berühmt-berüchtigten rechten Schlaghand schachmatt gesetzt, in seinen schlechteren sich über die Zeit gerettet. In Zahlen ausgedrückt: 40 Siege durch K.o. gegenüber fünf Punktsiegen und drei Niederlagen. Eine Erfolgsbilanz, die er künftig fortsetzen will: "Das Ziel beim Boxen ist immer der klare Sieg!"

Neben den Versuchen, seine Rivalen mit der starken Rechten auszuknocken, punktet er zunehmend auch mit der linken Führungshand. Dem rechten Hammer-Haken folgt unerwartet die flinke Linke. "Heute bin ich organisierter als vor früher. Ich weiß jetzt: Du brauchst einen Plan, um zu siegen", sagt er.

Auch sein viel gelobtes Durchhaltevermögen musste sich der sensible Schwergewichtler (110 Kilo) erst mühsam erarbeiten. Seine Karriere glich einer Achterbahn-Fahrt. Nachdem er 1999 den vakanten Europameister-Titel gewann, indem er Axel Schulz auf die Bretter schickte, errang er bei seinem ersten Weltmeisterschaftskampf im September 2000 den WBO-Titel im Schwergewicht, den bisher größten Erfolg seiner Karriere. Mit dem Sieg über Chris Byrd "rächte" er Vitali, der im April 2000 seinen WM-Gürtel in der Königsklasse verletzungsbedingt an den Amerikaner abgeben musste. Doch auf fünf erfolgreiche Titelverteidigungen folgte im März 2003 eine unerwartete Niederlage gegen den Südafrikaner Corrie Sanders. Der K.o. kam bereits in der zweiten Runde. Auch Wladimirs Versuch, im Kampf gegen Lamon Brewster (USA) den WM-Gürtel zurückzugewinnen, scheiterte. "Die Gründe dafür sind mir heute noch rätselhaft."

Nun also ist wieder die Zeit für einen WM-Sieg gekommen. Und die Chancen stehen gut: Nach seinem Punktsieg vor zweieinhalb Monaten in Atlantic City gegen den bis dahin ungeschlagenen Samuel Peter darf er als offizieller Herausforderer und Nummer eins zweier Weltranglisten sowohl um den IBF-Gürtel (gegen Titelverteidiger Chris Byrd) als auch wieder um die WBO-Krone (gegen Lamon Brewster) kämpfen.

Seinen 30. Geburtstag am 25. März nächsten Jahres will er als Weltmeister feiern, und zwar in Hamburg. "Ich hoffe auf einen Kampf im März. Vor drei Wochen habe ich in New Jersey mit Don King und Chris Byrd verhandelt. Beide liegen zurzeit noch im Rechtsstreit. Doch wenn man Weltmeister werden will, kommt man um Don King nicht herum. Auch Lamon Brewster wird von ihm promotet."

Klitschko hofft: "Jedenfalls haben wir gute Karten, einen Kampf in Deutschland hinzukriegen. Und ich bin bereit!" Allerdings räumt er ein, dass die Verhandlungen mit dem umstrittenen Promoter King "sehr zäh" verlaufen: "Kings Worte sind so flatterhaft wie Vögel. Kaum ausgesprochen, sind sie schon wieder weg. Man muss alles schriftlich festhalten." Auch weil es um viel Geld gehe, um eine millionenschwere Börse: "Boxen ist ein knallhartes Geschäft. Trotzdem darf man die menschliche Seite nicht aus den Augen verlieren."

Wladimir bleibt zuversichtlich: "Ich bin stark motiviert, ich bin in guter körperlicher Verfassung, und ich bin psychisch stabiler als früher." Mit festem Blick betont er: "Ich will wieder Weltmeister werden! Es gibt vier Box-Weltverbände. Jetzt, wo Vitali ein Champion im Ruhestand ist, muss ich halt bei allen vier Titeln angreifen."

Zunächst strebt er jedoch nur einen der Gürtel an. "Wenn man einen Weltmeister-Titel holt, hat man ein gewisses Niveau erreicht. Doch noch entscheidender ist, dass man als Champion seine Fans nicht enttäuscht und sich eines Weltmeisters würdig erweist."

Vita

Wladimir Klitschko wird am 25. März 1976 in Semipalatinsk/Kasachstan geboren, als Sohn eines ukrainischen Luftwaffen-Offiziers. Er beginnt seine Boxkarriere als 14-Jähriger im Armee-Sportclub seiner Heimatstadt Kiew. 1993 Junioren-Europameister, 1996 Olympiasieger im Super-Schwergewicht.

1996 Profidebüt in Hamburg im Universum-Boxstall. Unter Trainer Fritz Sdunek folgen 15 Aufbaukämpfe, davon 14 Siege durch K.o. Februar 1998: WBC International Champion. Im August 1998 erster Boxerfolg in den USA. Dezember 1998 Niederlage in Kiew und WBC- Titelverlust. Im Juli 1999 wird er WBA-Champion und im September 1999 Europameister.

Oktober 2000: WBO-Weltmeister im Schwergewicht. Sein Sportstudium schließt Klitschko 2001 in Kiew mit Promotion ab. Nach fünf erfolgreichen Titelverteidigungen im März 2003 der Titelverlust durch technischen K.o. Im April 2004 scheitert Klitschko bei dem Versuch, sich im Kampf gegen Lamon Brewster den Titel zurückzuholen.

2004 veröffentlicht er mit seinem Bruder Vitali die Autobiografie "Unter Brüdern." Nach seinen neuen Erfolgen 2004 und 2005 hofft der Boxprofi auf einen WM-Kampf im März 2006.

Von Claudia Pless